basic philosophy nach Schopenhauer

Basic Schopenhauer und Kant

Bevor ich mit der "Einleitungsvorlesung" fortfahre:

Grundansatz für Schopenhauer ist die Philosophie von Kant, den er lobt und kritisiert. Er interpretiert Kant auf seine Art und überschreitet ihn auch, wie es Kant wohl nicht gebilligt hätte. So negiert er den kategorischen Imperativ und die Freiheit des Handelns [er negiert bekanntlich die Willensfreiheit].

Schopi: Die Hauptschriften Kants sind ihm die wichtigste Erscheinung, weiche seit Jahrtausenden in der Philosophiegeschichte hervorgetreten sind. Die Wirkung, welche sie in dem Geist, zu welchem sie wirklich reden [wer sie versteht] hervorbringen, finde ich im der Tat der Staroperation an einem Blinden gleich. Und er - Schopenhauer - ist der, der nach gelundender Operation dem Blinden die Starbrille in die Hand gibt.

Also: Ohne Kants „Operation“ [Kritik der reinen Vernunft] wird niemand philosophisch sehend, aber wenn der Operierte nicht Schopenhauers Brille aufsetzt, war die Operation ganz sinnlos. Es gibt nat. Kant-Kenner, die das wohl bestreiten.

Nun, worum ging es Kant? Um die fundamentale Unterscheidung der Dinge an sich selbst von ihren Erscheinungen [auf uns]. Dies sei Kants grösstes Verdienst und seine eigene (Sch's) Philosophie beruhe ganz auf ihr.

Aber wieso war die Unterscheidung für Kant wichtig. Seine Philosophie ist im Wesentlichen Vernunftkritik. Kritik heisst „scheiden“, was unsere erkennende Vernunft vermag, von dem, was sie nicht vermag. Kritik heisst daher, die Grenzen der Vernunft aufzeigen [Ergebnis vorweg: Es gibt keine Erkenntnis jenseits der Erfahrung. Wichtig mit Bezug auf die Rede von Gott (Theologie), was ja Hauptthema dieses Forums ist.]

In der KrV betrachtet Kant die zwei Stämme unseres Erkenntnisvermögens isoliert: Die Sinnlichkeit [Sinneserfahrung] und der Verstand.
Def: Die Sinnlichkeit ist das Vermögen, Vorstellungen zu empfangen, und diese Vorstellungen sind Anschauungen.
Def: Der Verstand ist das Vermögen, Vorstellungen selbsttätig hervorzubringen, und diese Vorstellungen sind Begriffe.
Sinnlichkeit und Verstand - Anschauungen und Begriffe sind nach Kant von gleichem Wert. Denn nur vereinigt geben sie uns Erkenntnis von Gegenständen: Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.

Bei der Betrachtung von Sinnlichkeit und Verstand je für sich, kommt Kant zum revolutionären Ergebnis, dass wir erkennend niemals die Dinge so zu fassen bekommen, wie sie an sich selbst sind, wie sie sind ganz unabhängig von unseren Erkenntnisbedingungen.

Die Wissenschaft von unserer Sinnlichkeit heisst bei Kant „transzendentale Ästhetik“ [diese hat nichts mit dem Schönen zu tun]. Sie untersucht Raum und Zeit. Denn alles, was uns durch die Sinne gegeben wird, ordnen wir in räumliche und zeitliche Verhältnisse, in Verhältnisse des Nebeneinander und des Nacheinander. Bei der kritischen Prüfung der Sinnlichkeit gelangt Kant zur „Idealität“ von Raum und Zeit. Das bedeutet: Raum und Zeit gibt es nur in unserer Vorstellung und durch uns, die vorstellenden Subjekte.
Schopenhauer: Wenn an den Aufschlüssen, welche Kants bewundernswürdiger Tiefsinn der Welt gegeben habt, irgendetwas unbezweifelt wahr ist, so ist es die trans. Aest., also die Lehre von der Idealität des Raumes und der Zeit. Sie ist so klar begründet, unwiderlegbar, Kants Triumph und gehört zu den höchst wenigen metaphysischen Lehren, die man als wirklich bewiesen und als eigtl. Eroberung im Feld der Metaphysik ansehen kann.

Nach ihr also sind Raum und Zeit die Formen unseres eigenen Anschauungsvermögens, gehören diesem, nicht den dadurch erkannten Dingen an, können also nimmermehr eine Bestimmung der Dinge an sich selbst sein, sondern kommen nur der Erscheinung derselben zu. Also Raum und Zeit sind die Grundanschauungsformen. Wir, die Anschauenden bringen sie mit - als die Bedingungen, unter denen allein wir etwas anschauen können. Das heisst nun aber: Raum und Zeit kommen den Dingen selbst, sowie sie sind und unabhängig davon, dass wir sie anschauen, überhaupt nicht zu. Die Dinge an sich selbst stehen nicht in räumlichen oder zeitlichen Verhältnissen. Und deshalb müssen wir von den Dingen an sich selbst unterscheiden die Dinge als Erscheinungen - die Dinge, so wie sie uns erscheinen unter den subjektiven Bedingungen unserer Sinnlichkeit.

Dazu sein angemerkt (Margot Fleischer): Es heisst, Raum und Zeit seien die Bedingungen, unter denen wir Menschen etwas anschauen können, so denkt es Kant - und auch Schopi. Schopi weicht aber darin von Kant auf sehr charakteristische Weise ab, dass er die subjektiven Bedingungen unseres Anschauens als „physiologische Bedingungen“ auffasst und sagt, unser Bewusstsein der Erscheinungen „beruhe auf einer organischen Funktion [was ihn modern macht]. Kant versteht das abstrakt philosophisch, den menschlichen Leib bringt er nicht ein.

Noch ein wichtiger Gedanke (MF): Es ist ein wichtiger, von Schopi immer wieder ausgesprochener Gedanke: das Raum und Zeit die Dinge individuieren. Das ist die alte philosophische Frage: Wodurch gibt es Einzelwesen? [Oder die Frage nach dem Ich: Was macht mich zu dem besonderen Wesen, das ich anscheinend bin?]. Was kommt dafür auf, dass die Dinge nicht nur durch ihre Wesen [ihre Natur] bestimmt sind, sondern dass Dinge mit demselben Wesen als voneinander verschiedene und getrennte existieren? Das kann man fragen z.B. bei Steinen, Hunden oder Häusern.

Da Schopi, wie sich zeigen wird, Platons Ideen (in verwandelter Form) übernimmt, besteht diese Frage auch für ihn; und er beantwortet sie eben, indem er Raum und Zeit als principium individuationis auffasst. Den lat. Ausdruck kann man übersetzen mit: Prinzip/Grund/Anfangsgrund der Vereinzelung, oder erweitert: der Einzelwesen. Leisten Raum und Zeit Vereinzelung? Das ist unbestreitbar. Denn: Was „hier und jetzt“ [hic et nunc] ist, ist dadurch von allem anderen, dass sonst noch in Raum und Zeit gegeben sein kann, unterschieden. Jetzt seiend, und nicht damals oder künftig.
Andersherum kann man sagen, dass das principium individuationis für Vielheit aufkommt - jedenfalls von Dingen [oder Wesen] derselben Art. ... Es gibt noch einen wichtigen 2. Teil dieser Betrachtung.

Nach Margot Fleischer: Schopenhauer (Herder/Spektrum/Meisterdenker), S. 55-59

9.7.10 14:54

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