basic philosophy nach Schopenhauer

Grundansatz Schopenhauer 2

Margot Fleischer gibt im Folgenden eine gute Zusammenfassung des Bisherigen, und schafft das Problem elegant beiseite, dass Raum und Zeit anscheinend objektiv nicht existieren [natürlich existieren sie]:

Schopenhauer übernimmt also aus Kants transzendentaler Ästhetik das Ergebnis, dass Raum und Zeit den Dingen an sich selbst nicht zukommen, sondern nur den Dingen als Erscheinung, den Dingen also, so wie sie sind für uns, in unserem Vor-stellen, unter den Bedingungen unseres Anschauungsvermögens.

Raum und Zeit individuieren aber die Dinge und kommen für die Vielheit auf. Schopi folgert: „Ist aber dem Ding an sich, d.h. dem wahren Wesen der Welt [wie dieses auch sein möge], Zeit und Raum fremd, so ist es notwendig auch die [daraus gefolgerte] Vielheit: folglich kann dasselbe in den zahllosen Erscheinungen der Sinnenwelt durch nur Eines sein, und nur das Eine und identische Wesen sich in diesem allen manifestieren. Und umgekehrt, was sich als ein Vieles, mithin in Zeit und Raum darstellt, kann nicht Ding an sich, sondern nur Erscheinung sein“. Hier lässt sich  - wenngleich für jetzt und nur vorläufig - ein Grundgedanke Schopenhauers fassen. Er spricht von DEM Ding [Einzahl] an sich, das ein Einziges sei [Plotin lässt grüssen]. Er erklärt dies für eine Konsequenz aus Kants Philosophie, die Kant selbst nicht gezogen habe. Das Ding an sich ist Eines; Vielheit in Raum und Zeit gehören ganz in die Sphäre unseres Vorstellens, gibt es nur für unser Vorstellen und in ihm [Damit wird klar, dass Schopenhauer einer der ersten radikalen Konstruktivisten ist].

„Vorstellung“ und „Erscheinung“ bedeutet bei Schopi weniger als bei Kant. - Vorstellung ist bei Schopi nämlich „blosse Vorstellung“, „nur Vorstellung“ und Erscheinung rückt in die Nähe von Schein. Schopi führt die Gedankenlinie weiter: Zuvor hiess es: „was sich als ein Vieles, mithin in Zeit und Raum darstellt [zeigt], kann nicht Ding an sich, sondern nur ERSCHEINUNG sein.“ Schopi nennt dies nun die „Lehre, dass alle Vielheit“ nur scheinbar sein, dass in allen Individuen dieser Welt, in so unendlicher Zahl sie auch, nach und nebeneinander sich darstellen, doch nur Eines und das selbe, in ihnen allen gegenwärtige und identische, wahrhaft seiende Wesen sich manifestiere [nehmen wir als Beispiel den Fussballfan; trotz aller Verschiedenheit ist ein gemeinsamer Kern vorhanden; das ist schon fast platonisch]. Diese Lehre ist freilich lange vor Kant, ja, man möchte sagten, von jeher dagewesen [Hinduismus]. Und zwar im ältesten Buch der Welt, den hl. Veden, deren dogmatischer Teil, oder vielmehr esoterische Lehre, und in den Upanischaden vorliegen. Man sieht, wie selbstverständlich Schopi, nachdem er R+Z als principium individuationis gefasst hat, von Kant her auf die altindische Weisheit zurückgeht. Er setzt dabei für die Erscheinungen einen Akzent, der bei Kant fehlt, wie in der folgenden Äusserung deutlich wird.“Gehört demnach Vielheit und Geschiedenheit [Unterscheidbarkeit] allein der blossen Erscheinung an, und ist es Ein und das selbe Wese, welches in allem Lebenden sich darstellt, so ist diejenige Auffassung, welche den Unterschied zwischen Ich und Nicht-Ich aufhebt, nicht die irrige: vielmehr muss die ihr entgegengesetzte dies [richtig] sein. Auch finden wir diese letztere von den Hindus, mit dem Namen MAYA, d.h. Schein, Täuschung, Gaukelbild bezeichnet.“ Und zwar sind mit Erscheinungen nicht nur die Dinge ausser uns gemeint, sondern auch wir Menschen selbst - als leibliche Wesen, die im Raum und in der Zeit sind, ja als vorstellende Wesen, die ihre eigenen Zuständen in zeitlicher Folge vorstellen. Die „wahre“ Auffassung, dass es ein und dasselbe Wesen ist, welches in allen Erscheinungen sich darstellt, durchschaut gerade auch die Unterschiede der menschlichen Individuen von den Dingen, ja sogar voneinander, als Schein, als Täuschung, als Gaukelbild. An sich ist alles Eins, alle Dinge [v.a. Tiere und Pflanzen] und alle Menschen [Wir sind alle Emanationen des (göttlichen) Einen, Plotin. - Deshalb ist Schopenhauer für das Mitleid mit allen Lebewesen. Er ist für die Achtung von Mensch und Tier].

Trotz dieser alten Erkenntnis halten die Menschen das Viele und die Vielen für das Reale, weshalb Schopenhauer oft vom Schleier der Maya spricht, den es zu zerreissen mindesten zu durchschauen gelte. Für die menschliche Selbsterkenntnis und das menschliche Selbstverständnis bedeutet dies (Zerr. des Schleiers der M.) pointiert: Die Kenntnis, die wir von uns haben, ist keineswegs eine vollständige und erschöpfende, vielmehr sehr oberflächliche, und dem grösseren, ja hauptsächlichen Teil nach sind wir uns selber unbekannt und ein Rätsel; oder, wie KANT sagt: Das ICH erkennt sich nur als Erscheinung, nicht nach dem, was es an sich sein mag [das Ich erkennt sich nicht oder nur bruchstückweise, weil es ein wechselhaftes Konstrukt ist]. Jenem andern Teil nach, der in unsere Erkenntnis fällt, ist zwar jeder vom Andern gänzlich verschieden: aber hieraus folgt noch nicht, dass es sich ebenso verhalte hinsichtlich des grossen und wesentlichen Teiles, der Jedem verdeckt und unbekannt bleibt. Für diesen [unbek. Teil] ist also wenigstens die Möglichkeit übrig, dass er in Allen Eines und identisch sei.“

Später wird sich zeigen, dass Schopi den grossen, wesentlichen, im Sinne strenger Erkenntnis uns unbekannten Teil in uns doch bestimmt, indem er nämlich „das“ Ding an sich denkt und bestimmt. - Damit meint er den in allem und jedem wirkenden blinden Willen, von dem er nur die Erscheinungen beschreiben kann.

 

Mit dem Ausgeführten stiess Margot Fleischer auf wenigen Seiten (S. 59 f.) in den Kern der Schopenhauerschen Philosophie vor.

12.7.10 16:42

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